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Zeit und Erinnerung sind einander geöffnet, sind gleichsam zwei Seiten ein und derselben Medaille. Andrej Tarkowskij |
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| Erinnerte Zeit Eine Fotoausstellung anlässlich der Werkschau Andrej Tarkowskijs im Kommunalen Kino Stuttgart, vom 10. März bis 2. Mai 2001, dokumentiert in S/W Fotografien und ergänzt durch Zitate aus den Tagebüchern Tarkowskijs sowie seinem Buch Die versiegelte Zeit. Die Ausstellung zeigte Fotografien aus den Filmen Tarkowskijs und Momentaufnahmen von den Dreharbeiten sowie Familienbilder. Konzipiert wurde die Ausstellung von Anastasia Alexandrowa unter der Mitarbeit von Oliver Scholz. |
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| Es ist vollkommen klar, dass es ausserhalb der Zeit auch keinerlei Erinnerung geben kann. Und die Erinnerung wiederum ist ein äusserst komplexer Begriff. Selbst wenn man ihre sämmtlichen Merkmale aufzählen wollte, könnte man damit noch nicht die Summe all jener Eindrücke erfassen, mit denen sie auf uns einwirkt. Erinnerung ist ein geistiger Begriff. (2) |
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| Film und Musik zähle ich in diesem Sinne den unmittelbaren Künsten zu, die keiner Vermittlung bedürfen. Diese fundamentale, entscheidende Eigenschaft macht Musik und Film zu Verwandten und begründet zugleich deren unüberbrückbare Ferne zur Literatur, wo alles durch Sprache ausgedrückt wird, also durch ein System von Zeichen und Hyroglyphen. Die Rezeption eines literarischen Werkes erfolgt ausschliesslich über ein Symbol, über einen Begriff, wie ihn das Wort vorstellt. Film und Musik bieten dagegen die Möglichkeiten einer unmittelbaren, emotionalen Rezeption des Kunstwerks. (3) |
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| Jedwedes Schaffen strebt nach Einfachheit, nach einer maximal einfachen Ausdrucksweise. Das Streben nach Einfachheit bedeutet ein Streben nach Tiefe des reproduzierten Lebens. Doch den kürzesten Weg zwischen dem, was man sagen oder ausdrücken will, zu dem dann im fertigen Bild entgültig Reproduzierten zu finden, das gehört zu dem Mühevollsten im Schaffensprozess. Das Streben nach Einfachheit bedeutet ein qualvolles Suchen nach der adäquaten Ausdrucksform für die vom Künstler erkannte Wahrheit. (4) |
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| Das Bild als Beobachtung... wie sollte man hierbei nicht an die japanische Dichtung denken?! An ihr begeistert mich ihr radikaler Verzicht auch auf die versteckteste Andeutung ihres eigentlichen Bildsinnes, der wie bei einer Scharade erst allmählich dechiffriert werden muss. Das Haiku züchtet seine Bilder auf eine Weise, dass sie nichts ausser sich selbst und zugleich dann doch wieder so viel bedeuten, dass man ihren letzten Sinn unmöglich erfassen kann. Das heisst, dass das Bild seiner Bestimmung um so mehr gerecht wird, je weniger es sich in irgendeine begriffliche, spekulative Formel pressen lässt. Der Leser eines Haiku muss sich in ihm verlieren, wo es auch weder ein Oben noch ein Unten gibt. (5) |
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| Es kommt also zur paradoxen Situation, dass das Bild den umfassendsden Ausdruck des typischen darstellt. Dass es aber zugleich um so individueller und einmaliger wird, je vollständiger es das Typische zum Ausdruck bringt. Das Bild ist eine phantastische Sache! In einem bestimmten Sinne ist es sogar noch reicher als das Leben selbst, und zwar in dem Sinne, dass es die Idee absoluter Wahrheit ausdrückt. (6) |
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| Wenn wir nur alle Regeln, alle üblichen Methoden, nach denen Filme gedreht, Bücher geschrieben werden, beiseite lassen könnten, welch wunderbare Dinge würde man dann zustande bringen. Wir haben das Sehen völlig verlernt. Es ist durch schablonenhafte Routine ersetzt worden. (7) |
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| Ein Symbol ist nur dann ein wahres Symbol, wenn es in seiner Bedeutung unerschöpflich und grenzenlos ist, wenn es in seiner geheimen (hieratischen und magischen) Sprache der Andeutung spricht. (8) |
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| Es heisst, die Zeit sei unwiederbringlich. Das ist insofern richtig, als man, wie man sagt, das Vergangene nicht zurückholen kann. Doch was bedeuten eigentlich das Vergangene, wenn für jedermann im Vergangenen die unvergängliche Realität des Gegenwärtigen, eines jeden vorübergehenden Moments beschlossen liegt? In einem bestimmten Sinne ist das Vergangene weit realer, zumindest aber stabiler und dauerhafter als das Gegenwärtige. Gegenwärtiges gleitet vorüber und verschwindet, zerrinnt wie Sand zwischen unseren Fingern. Sein materielles Gewicht erhält es erst in der Erinnerung. (9) |
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| Das Bild ist etwas, das man nicht einfangen, geschweige denn aufgliedern kann. Es basiert auf derselben Materialwelt, die es zugleich auch zum Ausdruck bringt. Und wenn das nun eine rätselhafte Welt ist, so ist auch das Bild von ihr rätselhaft. Das Bild ist eine bestimmte Gleichung, die das Wechselverhältnis der Wahrheit zu unserem, auf einen euklidischen Raum beschränkten Bewusstsein bezeichnet. Ungeachtet dessen, dass wir den Weltenbau nicht in seiner Ganzheit wahrnehmen können, vermag das Bild diese Ganzheit auszudrücken. (10) |
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| 1,2,3,4,5,6,7,9,10 zit.n. Andrej Tarkowskij, Die versiegelte Zeit, Ullstein, Berlin 1984 7,8 Andrej Tarkowskij WGIK Filmkunst russisches Kino Haiku Poesie Russland Osteuropa Paradjanow Alexander Sokurov Arsenij Tarkovskij Sven Nykvist |
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