In memoriam Fedja Dobrowolskij
Wir fahren fort zu leben.
Wir lesen oder schreiben Gedichte.
Wir sehen uns schöne Frauen an,
die aller Welt zulächeln
vom Titelblatt der Illustrierten.
Auf dem langen Heimweg durch die Stadt,
frierend, in der rumpelnden Strassenbahn,
denken wir über die Freunde nach.
Wir fahren fort zu leben.
Manchmal sehen wir Bäume,
die mit schwarzen entblössten Armen
die Last des Himmels tragen
oder unter der Last des Himmels zusammenbrechen,
der nachts aussieht wie die Erde.
Wir sehen Bäume
ausgestreckt am Boden liegen.
Wir fahren fort zu leben.
Wir, mit denen du lange
über moderne Malerei sprachst
oder auf dem Newskij Bier trankst,
denken nur selten an dich.
Wir tun uns dann selber leid,
unsere krummen Rücken,
unser stark mitgenommenes Herz,
das sich schon im dritten Stockwerk
unangenehm bemerkbar macht.
Eines Tages
wird ihm – dem Herzen –
etwas zustossen.
Dann wird sich einer von uns,
achttausend Kilometer westlich von dir,
auf dem schmutzigen Asphalt hinstrecken,
seine Bücher gleiten ihm aus der Hand,
und das letzte, was er sieht,
sind beunruhigte Dutzendgesichter,
ein Stück Hauswand,
ein an Drähten hängender Fetzen Himmel:
Himmel, der sich auf die gleichen Bäume stützt,
die wir manchmal wahrnehmen.
Josif Brodskij
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(...)
Städte gibt’s, die man nur einmal aufsucht. Deren
Fenster halten selbst die Sonne fern, als wären
es Spiegel, das heisst: dort lässt sich keiner stören.
Stetig rauscht der Fluss unter allen sechs Brücken.
Dort können Lippen für einmal Lippen beglücken.
Dort kann der Stift auf dem Papier vorrücken.
Dort findet grelles Licht Arkaden
und Drachen zum Spielen.
Dort an den Haltestellen, sprechen allzu viele
in der Sprache dessen, der aufbrach zu anderen Zielen.
(...)
Josif Brodskij
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(...)
Noch immer bleibt die Möglichkeit, hinaus-
zutreten auf die Strasse, deren braune Länge
deinen Blick besänftigt mit Portalen, mit der Strenge
kahler Bäume, mit blitzenden Pfützen und Ein und Aus.
Ein Lüftchen sträubt mir auf dem Glatzkopf eine Strähne,
und die Strasse läuft zu einem V aus in der Ferne,
wie ein Gesicht vom Scheitel bis zum Kinn, ein Hunde-
tier dreht bellend – wie ein Papierball im Wind – seine Runde.
Ein Strassenzug. Die einen Häuser sind wohl besser
als die anderen – die Auswahl in den Fenstern ist grösser.
Besser nur schon deshalb, weil sie dich nicht hindern,
den Verstand da draussen zu verlieren statt dort drinnen.
(...)
Josif Brodskij